Das Plädoyer

„Manchmal ist das Leben doch dann anders als es scheint“, sagte der stämmige Mann im feinen Zwirn als er sich von seinem Stuhl erhob.

„Manchmal muss man Menschen ziehen lassen, auch wenn man es nicht will und wenn man schon bei der ersten Begegnung das Gefühl hatte, dies könnte etwas Besonderes sein. Manchmal treten dafür neue Menschen in dein Leben und bemühen sich nach Kräften das Loch aufzufüllen – und hin und wieder reicht das.

Was aber, wenn man es nicht annehmen kann?“

Bei diesem letzten Satz stieß der Mann einen Seufzer aus, sein Blick war auf den Boden gerichtet und irgendwie wirkte es, als hielte er dieses Plädoyer weniger für die Jury als für sich selbst. Die Jury indes fragte sich, wo seine Rede hinführen sollte – ging es dem Mann überhaupt um das Verfahren, wegen dem sie hier waren?

„Wir kämpfen alle mit unseren Dämonen“, fuhr der Mann schließlich fort. „Wir stehen auf, gehen zur Arbeit, essen und haben Sex und wir tun unser Bestes, die Dämonen nicht das Tageslicht erblicken zu lassen. Wir tragen unser Lächeln wie eine Maske, so wie wir Anzüge tragen, um zu zeigen, was für feine Kerle wir sind. Wir glauben nämlich – nein: wir wissen – dass niemand den Anblick unserer Dämonen ertragen könnte.“

Der Mann hielt für einen Moment inne, rieb sich über sein Kinn und zog schließlich sein Sakko zurecht. Dann blickte er in die Jury, zeigte mit dem Finger auf einen nach dem Anderen und sagte: „Sie, Sie und Sie aber müssen jeden Tag mit ihren Dämonen leben. Ihre Dämonen sind wie die alte Hexe von Nachbarin in ihrem Haus, die an Jedem was zu nörgeln hat und trotzdem nicht auszieht.“

Mit jedem Satz war er ein bisschen lauter geworden, aber jetzt senkte er seine Stimme wieder, und legte eine Hand auf seine Brust. 

“Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht“, sagte er und fuhr beinahe flüsternd fort.

„Aber ich kämpfe schon seit meiner Kindheit mit meinen Dämonen – und auch wenn es manchmal wirkt als hätte ich sie besiegt, scheinen diese verdammten Mistviecher zäher zu sein als man glaubt. Doch es gibt diese Momente: vielleicht, wenn man einen Menschen trifft, der einen flüchtigen Blick auf sie werfen konnte und trotzdem nicht zurück geschreckt ist. Vielleicht, wenn man merkt, dass man im Kampf gegen die Dämonen nicht mehr ganz allein ist. Wenn man zwar kein Heilmittel aber zumindest ein wenig Linderung gefunden hat. Das sind die guten Tage.“

Seine Stimme wurde wieder lauter.

„Doch dann kommen wieder die Tage, an denen Sie morgens vor dem Spiegel stehen und sich an alles erinnern. An die Liebe, die Sie nicht halten konnten, an das verpatzte Referat in der siebten Klasse, an die zerbrochenen Freundschaften – und dann haben sie eine Eingebung. Plötzlich sehen Sie alles viel klarer und wissen wie Sie den teuflischen Kreislauf durchbrechen und ihren Dämonen den Stinkefinger zeigen können – und wissen: genau das ist es, was Sie jetzt machen müssen.“

Im nächsten Moment brach Panik im Saal aus, denn der Mann im feinen Zwirn hatte sein Sakko aufgeknöpft und hielt nun einen Revolver in der Hand.

„Auf Wiedersehen, ihr verdammten Dämonen“, sagte er, hielt sich den Revolver an die Schläfe und drückte ab.

Und dann wachte der Mann auf.

Das Leben ist nicht immer wie es scheint, dachte der Mann, bevor er sich aus der Bettdecke schälte und ins Bad ging. Während er vor dem Spiegel stand, dachte er an die alte Hexe und fragte sich: was weiß ich schon über Sie? Ganz sicher hatte auch die alte Frau ihre Dämonen und war das nicht auch irgendwie eine beruhigende Vorstellung?

Der Mann blickte in den Spiegel und betrachtete die Furchen in seinem Gesicht. Du hast auch schon mal besser ausgesehen, dachte er, und ärgerte sich gleich wieder über diesen Gedanken. All das Hadern, all das Kämpfen, all die Versuche sich zu ändern – war das wirklich das, was man unter Verantwortung übernehmen verstand? Musste man wirklich erst ein alter Mann werden, um seinen Frieden mit sich zu machen?

Wieder dachte er an die Menschen, die er nicht halten konnte. Wie schwer war es ihm gefallen, sie loszulassen. Wie oft hatte er darüber nachgedacht und versucht die Verantwortung zu übernehmen. Wie oft hatte er sich gefragt, was er falsch gemacht hat – was er hätte anders machen können. Vielleicht hatte er Fehler gemacht, vielleicht hätte er was ändern können – aber was änderte es, wenn er sich mit diesen Gedanken jetzt noch quälte?

Langsam reifte eine Erkenntnis in ihm: dass er nur für eines tatsächlich die Verantwortung hatte.

Hinter all den Zweifeln, den Furchen und den grauen Haaren konnte er den kleinen Jungen noch immer sehen. Der Kleine im Spiegel grinste. Dieser taffe, lebensfrohe und doch manchmal ängstlichste Kerl hatte so viel erlebt und konnte immer noch grinsen. Obwohl der Junge bei allem dabei war, jeden Fehler und jeden Verlust miterlebt hatte, ließ er sich das nicht nehmen. Plötzlich wurde es dem Mann klar: die Dämonen und der Junge waren zwei Seiten derselben Medaille.

Wollte er den kleinen Jungen wirklich bekämpfen oder ihm ein guter Freund, ein großer Bruder sein?

Der Mann lächelte, ging seiner Morgenroutine nach und fuhr zur Arbeit. 

Und dann wurde ich ein Ubernaut

Alles fing mit Plänen für ein neues Blog an.

Ich habe dieses Blog schon ziemlich lange, die Domain ist fast 10 Jahre alt und der älteste Beitrag (was freilich nichts heißt, weil ich ältere Beiträge eventuell irgendwann mal gelöscht habe) datiert auf den 22. November 2009. Das Bloggen ist für mich sowas wie ein guter Freund, der es einem verzeiht, wenn man mal länger nicht vorbei schaut und dann auf eine Stippvisite reinschaut oder sich auch einfach mal was länger bei ihm nieder lässt.

Kurz: Es ist mir wichtig.

Jetzt ist mein Blog mal wieder umgezogen. Seit heute läuft es bei einem kleinen Hoster namens Uberspace.

Und das kam so: Ich überlegte mal wieder die Blog-Software zu wechseln und suchte nach einem Hoster, bei dem ich maximale Freiheit bei den verwendeten Technologien genieße. Ich musste feststellen, dass der Massenmarkt da außer einem eigenen Server keine wirklich guten Angebote hat. In den meisten Fällen sind die Konditionen einfach zu schlecht.

Dann erinnerte ich mich an Uberspace, von dem mir ein Arbeitskollege schonmal erzählt hatte.

Uberspace ist ein Pay-What-You-Want Hoster. Das heißt man kann sich ab einem Euro / Monat selbst aussuchen, wieviel einem das Angebot wert ist. Das allein finde ich schon ein unterstützenswertes, weil überaus faires Angebot. Aber Uberspace ist sozusagen auch ein Hoster von und für Nerds. Man bekommt SSH-Zugang, hat fast alle erdenklichen technischen Möglichkeiten, eine gute Tool-Unterstützung, ein umfangreiches Wiki mit Anleitungen und direkten Draht zu Technikern. Letzteres hab ich noch nicht genutzt, aber viel Gutes gehört.

Für den Anfang habe ich mich für 5 Euro monatlich entschieden. Das ist ungefähr das, was ich bei meinem bisherigen Hoster für ein deutlich begrenzteres Angebot zahle. Und das, was sich die Betreiber von Uberspace als Preis wünschen.

Letztlich habe ich die Blog-Software doch nicht gewechselt. Bei meinem bisherigen Hoster habe ich aber bald nur noch die Domains. Hier laufen nun meine zwei Blogs (auf tech.just-imho.net blogge ich gelegentlich über technische Themen) und in Kürze auch ein Drittes, das demnächst online gehen wird.

Wie fremde Kulturen unser aller Leben bereichern

Ich möchte nicht schweigen. Wenn ich die Nachrichten und Facebook-Posts lese, in denen sich Angst vor anderen Kulturen zeigt, möchte ich aufschreien und mich einsetzen: für nationalitätenübergreifende Freundschaften, für kulturellen Austausch, für Vielfalt. Ich möchte in einem Land leben, in denen die Menschen erkennen, wie viel weiter es uns gebracht hat, miteinander statt gegeneinander zu sein.

Heutzutage erscheint uns die Vergangenheit unseres Landes oft so weit weg. Doch eigentlich ist es noch nicht so lang her, dass blinder Hass aus diesem Land einen Ort gemacht hat, der für niemanden lebenswert war. Ich habe eine persönliche Geschichte, die mich für immer daran erinnern wird, wie schlimm diese Zeiten waren, auch wenn ich selbst vom Glück der späten Geburt profitiere. So wie mir geht es vielen Menschen und doch scheint es manchmal, dass diese Zeiten in Vergessenheit geraten sind.

Wir können uns nicht immer schuldig fühlen, höre ich die Menschen sagen. Wir sind nicht verantwortlich für das was war, wir können es auch nicht ungeschehen machen. Für viele von uns ist das wahr. Doch wenn wir jetzt zulassen, dass sich an dem Frieden etwas ändert, der unser Leben um einiges einfacher gemacht hat, wenn wir jetzt nicht menschlich agieren, wenn Flüchtlinge an unseren Toren klopfen, dann ist das unsere Schuld. Darum möchte ich nicht schweigen.

Jeden Tag profitieren wir von den Menschen, die in unser Land kamen und Teil unserer Gesellschaft wurden. Ob es der Döner beim Türken um die Ecke ist, die Pizza von unserem Lieblingsitaliener oder die Technik, die wir tagein, tagaus nutzen und die ohne die Leistung, die teilweise in anderen Ländern erbracht wurde und erbracht wird, nicht denkbar wäre. Wir profitieren von Näherinnen, Bergarbeitern und Arbeitern in den Fertigungsfabriken von Computerteileherstellern und vielen weiteren Arbeitern unterschiedlichster Berufsgruppen, die unter den unmenschlichsten Arbeitsbedingungen für Dinge sorgen, die wir für selbstverständlich betrachten und die oft nur deshalb erschwinglich sind, weil diese Menschen leiden.

Wir haben Freundschaften und Partnerschaften geschlossen: Geschätzte Freunde und die Ehepartner von Kollegen kommen aus der Ukraine, aus Russland, der Türkei, Amerika, Italien und anderen Ländern. Der nette Nachbar von nebenan, ein türkischstämmiger älterer Herr, der als Gastarbeiter in unser Land kam, sorgt mit kleinen Beiträgen, wie Pflanzen von Blumen und Nutzpflanzen, dem Fegen der Gehwege sowie seiner unbeirrbaren Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft für eine bessere Nachbarschaft. Und das alles obwohl dieser Mensch auch nicht im Reichtum schwelgt: Er wohnt in einem Sozialbau, hatte als einziger in seinem Haus nur einen Kohleofen statt einer Heizung und hat nur ein altes Klappermopped zur Fortbewegung. Ich bin dankbar für diese Menschen – froh, dass sie mein Leben bereichern und möchte sie nicht mehr missen.

Sicher – wir können nicht das ganze Leid der Welt mit einem Schlag auslöschen. Wir können uns auch nicht immer sicher sein, ob unsere Beiträge ankommen. Und natürlich haben wir auch alle eigene Probleme, mit denen wir irgendwie klar kommen müssen. Doch wie soll das funktionieren, wenn wir uns voreinander verschließen? Wenn wir einander ausgrenzen und ausschließen statt uns gegenseitig zu unterstützen?

Wir sollten deshalb dankbar und offen sein und die Chance ergreifen, die sich uns bietet: Gemeinsam eine Zukunft gestalten, in der unterschiedliche Kulturen und Vielfalt sich weiterhin ergänzen und diese, unsere Welt zu einem besseren Ort machen.

Rebound

Wenn beim Basketball der Ball am Brett oder Ring abprallt und vom Spieler wieder gefangen wird, nennt man das einen Rebound.
Davon hatte ich schon mal gehört. Auch wenn ich zugegebenermaßen erst einmal googlen musste, was genau ein Rebound ist.
Überrascht war ich jedoch als ich den Begriff Rebound in Bezug auf Beziehungen hörte.

Ich finde es ja immer interessant, welche Arten von Begriffen es in Puncto Beziehung gibt. Da gibt es Affären, Friendship with benefits, offene Beziehungen, Romanzen, Liebschaften, Verhältnisse, etwas platter auch F***-Freunde und natürlich das was die meisten Menschen unter Beziehung verstehen.
Persönlich finde ich das Wort Beziehung eher blöd um damit eine innige Verbindungen zwischen zwei Menschen zu beschreiben. Denn in Wahrheit pflegen wir doch Beziehungen zu jedem Menschen, mit dem wir regelmäßig Kontakt haben: Arbeitskollegen, Freunde, Familie, Bekannte.
Die Tiefe, Aspekte wie Vertrauen und Gefühle spielen eine Rolle, wenn aus einer  Beziehung eine Beziehung wird oder werden soll. Nun ja – lassen wir das mal so stehen.

Ein Begriff, den ich jedoch noch nicht kannte, ist ein Rebound-Freund oder eine Rebound-Beziehung. Ich habe das zum ersten Mal in einem Gespräch mit Kollegen gehört und fand es so interessant, dass ich es googlete.
Das brachte mich jedoch nicht nennenswert weiter, weil ich auf diese Weise zu zwei unterschiedlichen Sichtweisen gelangte:

  • Die Person, die diesen Begriff angebracht hatte erklärte es handele sich um eine Beziehung, die man nicht eingehe weil man den den Neuen interessant findet, sondern weil er das genaue Gegenteil des letzten Partners darstellt.
  • Im Internet fand ich dann die Erklärung, dass es sich um eine Beziehung handele, die man eingeht um sich über eine gerade zu Bruch gegangene Beziehung hinweg zu trösten.

Nun schließt das Eine das Andere nicht unbedingt aus.  Eine Variante könnte ja sein, dass Beides zutrifft: Man nimmt den Nächstbesten, der, zumindest dem Anschein nach, völlig anders ist als der oder die Letzte, und hofft, dass er über den Kummer, der gerade über einen hereingebrochen ist, hinweg hilft. Ehrlich gesagt bin ich etwas ratlos, was nun zutrifft.

Eine ganz andere Frage ist jedoch wie erfolgreich diese Konzepte sind.
Ganz sicher setzt es ein gewisses Maß an Ehrlichkeit voraus. Von großen Gefühlen sollte man in so einem Fall jedenfalls nicht reden, ganz einfach deshalb, weil sie zumindest am Anfang nicht da sein können.
Gleichzeitig ist ein wenig Unehrlichkeit erforderlich, denn wie sinnvoll wäre es wohl dem neuen Partner auf die Nase zu binden, dass er eigentlich nur ein Lückenbüßer ist?

Zu guter Letzt stellt sich auch noch die Frage, ob der Partner den man auf eine solche Art und Weise wählt überhaupt der ist, mit dem man länger eine Beziehung führen kann. Vielleicht war der Ex ja blöd aber vielleicht mochte man genau das?
Und Beziehungen in die man rennt weil man Abstand zur letzten Beziehung braucht, enden meiner Erfahrung nach selten gut.
Ich habe diesen Fehler selbst (ohne es zu wollen) schon gemacht und die Beziehung dauerte nicht einmal einen Monat. Vielleicht ein Fall für die „Ausnahmen bestätigen die Regel“-Regel.

Da bleibt nur zu hoffen, dass man nie in eine solche Konstellation gerät und wenn doch, dass sich aus keiner Grundlage etwas bildet worauf man aufbauen kann.

Alles wird besser

Den nachfolgenden Text hab ich gerade auf meiner Platte gefunden. Habe ich 2004 rum geschrieben. Aber da Politik ja ein Dauerbrenner ist, hab ich mich entschieden ihn mal zu posten 😉

Ihr habt uns selbst gewählt, warum regt ihr euch so auf?
Wir kriegen das schon hin, es geht wieder bergauf.
Es läuft zwar anders als geplant, ach wir kriegen das schon hin,
auch wenn ich persönlich nicht überzeugt davon bin.
Ihr könnt es nicht mehr hören und das ist uns klar,
doch eigentlich ist alles besser als es jemals war.

Die Steuern rauf, die Steuern runter
das macht uns wieder munter – alles wird gut,
ja wirklich alles wird gut.

Politik ist nicht einfach, dass müsst ihr doch verstehen –
wir kriegen das schon hin, ihr könnt ruhig tatenlos zusehen
Geld brauchen wir nur um euch glücklich zu machen,
und wenn wir immer dicker werden, dann wissen wir,
dass wir unser’n Job gut machen.

Die Steuern rauf, die Steuern runter
das macht uns wieder munter – alles wird gut,
ja wirklich alles wird gut.

Wir sind Politiker geworden, weil wir anderes nicht verstehen,
als ewig diskutieren und dem Rest der Welt zusehen.
Wir geben gerne zu, dass wir keine Fehler haben,
doch wenn wir aus dem Amt treten, dann bitten wir euch,
dann gebt uns bitte milde Gaben.