Wie fremde Kulturen unser aller Leben bereichern

Ich möchte nicht schweigen. Wenn ich die Nachrichten und Facebook-Posts lese, in denen sich Angst vor anderen Kulturen zeigt, möchte ich aufschreien und mich einsetzen: für nationalitätenübergreifende Freundschaften, für kulturellen Austausch, für Vielfalt. Ich möchte in einem Land leben, in denen die Menschen erkennen, wie viel weiter es uns gebracht hat, miteinander statt gegeneinander zu sein.

Heutzutage erscheint uns die Vergangenheit unseres Landes oft so weit weg. Doch eigentlich ist es noch nicht so lang her, dass blinder Hass aus diesem Land einen Ort gemacht hat, der für niemanden lebenswert war. Ich habe eine persönliche Geschichte, die mich für immer daran erinnern wird, wie schlimm diese Zeiten waren, auch wenn ich selbst vom Glück der späten Geburt profitiere. So wie mir geht es vielen Menschen und doch scheint es manchmal, dass diese Zeiten in Vergessenheit geraten sind.

Wir können uns nicht immer schuldig fühlen, höre ich die Menschen sagen. Wir sind nicht verantwortlich für das was war, wir können es auch nicht ungeschehen machen. Für viele von uns ist das wahr. Doch wenn wir jetzt zulassen, dass sich an dem Frieden etwas ändert, der unser Leben um einiges einfacher gemacht hat, wenn wir jetzt nicht menschlich agieren, wenn Flüchtlinge an unseren Toren klopfen, dann ist das unsere Schuld. Darum möchte ich nicht schweigen.

Jeden Tag profitieren wir von den Menschen, die in unser Land kamen und Teil unserer Gesellschaft wurden. Ob es der Döner beim Türken um die Ecke ist, die Pizza von unserem Lieblingsitaliener oder die Technik, die wir tagein, tagaus nutzen und die ohne die Leistung, die teilweise in anderen Ländern erbracht wurde und erbracht wird, nicht denkbar wäre. Wir profitieren von Näherinnen, Bergarbeitern und Arbeitern in den Fertigungsfabriken von Computerteileherstellern und vielen weiteren Arbeitern unterschiedlichster Berufsgruppen, die unter den unmenschlichsten Arbeitsbedingungen für Dinge sorgen, die wir für selbstverständlich betrachten und die oft nur deshalb erschwinglich sind, weil diese Menschen leiden.

Wir haben Freundschaften und Partnerschaften geschlossen: Geschätzte Freunde und die Ehepartner von Kollegen kommen aus der Ukraine, aus Russland, der Türkei, Amerika, Italien und anderen Ländern. Der nette Nachbar von nebenan, ein türkischstämmiger älterer Herr, der als Gastarbeiter in unser Land kam, sorgt mit kleinen Beiträgen, wie Pflanzen von Blumen und Nutzpflanzen, dem Fegen der Gehwege sowie seiner unbeirrbaren Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft für eine bessere Nachbarschaft. Und das alles obwohl dieser Mensch auch nicht im Reichtum schwelgt: Er wohnt in einem Sozialbau, hatte als einziger in seinem Haus nur einen Kohleofen statt einer Heizung und hat nur ein altes Klappermopped zur Fortbewegung. Ich bin dankbar für diese Menschen – froh, dass sie mein Leben bereichern und möchte sie nicht mehr missen.

Sicher – wir können nicht das ganze Leid der Welt mit einem Schlag auslöschen. Wir können uns auch nicht immer sicher sein, ob unsere Beiträge ankommen. Und natürlich haben wir auch alle eigene Probleme, mit denen wir irgendwie klar kommen müssen. Doch wie soll das funktionieren, wenn wir uns voreinander verschließen? Wenn wir einander ausgrenzen und ausschließen statt uns gegenseitig zu unterstützen?

Wir sollten deshalb dankbar und offen sein und die Chance ergreifen, die sich uns bietet: Gemeinsam eine Zukunft gestalten, in der unterschiedliche Kulturen und Vielfalt sich weiterhin ergänzen und diese, unsere Welt zu einem besseren Ort machen.