Stille Post – Wie aus vier Verletzten 288 Leichen werden

In der Nacht von Samstag auf Sonntag
kam es in Mönchengladbach zu einem bisher nicht da gewesenem
Zwischenfall. Bei einem Zusammentreffen der rivalisierenden
Rockergangs „Hells Angels“ und der „Bandidos“ kam es erst zu
einer Explosion und anschließend einer Schießerei. Die Anzahl der
getöteten Personen liegt nach Schätzungen derzeit bei weit über
100, weitere 150 Menschen wurden schwer verletzt in die umliegenden
Krankenhäuser eingeliefert….

<p“>So oder so ähnlich hätten die Schlagzeilen der Titelblätter die nächsten Tage lauten können… wenn? Tja … Wenn das Wörtchen wenn nicht wär.

So weit es sich momentan darstellt, trafen die rivalisierenden Gangs tatsächlich aufeinander, wie man zum Beispiel in der Rheinpresse online nachlesen kann. Tatsächlich getötet wurde aber, soweit man das derzeit weiß, keiner, auch wenn nach offiziellen Angaben vier verletzt, davon Einer lebensgefährlich, sind.

Doch wenn man Facebook und Twitter glaubt, ist es ganz anders. Demnach kam es im „Empire“, vor dem sich das Geschehen zugetragen haben
soll, zu einer Explosion. Schüsse seien gefallen. Die Opferzahlen überschlugen sich, wurden von Minute zu Minute mehr. Mehr Verletzte,
aber natürlich auch mehr Tote. Bald kommen die ersten Zweifler und Realisten. Das seien doch alles nur
Spekulationen, sagen sie.

Aber weit gefehlt: Es gibt Tote! Das zumindest behaupten die, angeblich so nah am Geschehen sind, dass sie es wissen. Oder doch zumindest jemanden kennen, der es ist.

Zum Beispiel einen Kiosk-Besitzer, der das Ganze aus sicherer Entfernung beobachtet hat und wissen will, dass es fünf Tote gibt.

Oder von einem Freund des Kiosk-Besitzers.
Oder vom Freund, einer Freundin des Kiosk-Besitzers.
Oder vom Dackel, des Freundes, der Freundin des Kiosk-Besitzers.

Manche sind sogar direkt betroffen. Eine Frau erklärt, sie wisse aus erster
Hand, dass es Tote gab. Es sei Fakt. Denn ein Freund von ihr wäre darunter.

Und wer jetzt glaubt, diese Menschen würden in einem Paralleluniversum
leben, in dem sich ganz andere Ereignisse zugetragen haben, könnte zwar recht haben. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass hier etwas Gestalt annimmt, was wir aus Kindertagen kennen: der Stille-Post-Effekt. Nur eben in viel größer.

Was eine Handvoll Menschen vielleicht noch einigermaßen akkurat wiedergeben, entfernt sich immer weiter von der Wahrheit, wenn es mehr Hände braucht, als man hat.

Ein bisschen peinlich ist das alles aber schon. Und ich frage mich, ob sich die Menschen, die immer wieder die fiktiven Toten summierten, die von Schießereien und Kopfschüssen schrieben, sich eigentlich im Spiegel ansehen können, ohne dass es ihnen die Schamesröte ins Gesicht treibt. Oder ob es
ihnen womöglich sogar peinlich ist, vielleicht sogar unbewusst und ungewollt, zu unnötiger Panik beitragen zu haben. Denn jeder, der nicht dabei war, könnte Freunde oder Familie in der Altstadt gehabt haben und Angst um diese haben können.

Am Schluss bleibt die Erkenntnis: Der Stille-Post-Effekt war schon immer da und das Internet ist eben auch ein Multiplikator dafür.

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